Dresden 1945 – Wer feiert ein Inferno?

Ein Kommentar von Jakob Yasko

22:13 Uhr, die Bombenschächte britischer Lancaster-Bomber öffnen sich über dem wolkenlosen Nachthimmel, mit Luftminen und Sprengbomben sollen die Häuser „geknackt“ werden, um sie später in Brand zu stecken. Es dauert nur 15 Minuten, dann ist die gesamte Stadt in Schutt und Asche versunken. Um 1:23Uhr folgt eine zweite Angriffswelle, dieses Mal vornehmlich mit Brandbomben. Ein orkanartiger Feuersturm vernichtet, was noch übrig ist. In den beiden darauffolgenden Tagen fliegen amerikanische B-17 Bomber Tagangriffe mit Spreng- und Brandbomben. Überlebende und Flüchtlingstracks werden Ziel von Tieffliegern. Zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 sterben zwischen 18.000 und 25.000 Menschen.

Während der Stadtkern Dresdens, eine weltbekannte Kulturmetropole, in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, blieb die Rüstungsindustrie, die es zuhauf gab und mit dem Blut von mindestens 5.000 Zwangsarbeitern geölt wurde, weitestgehend unverschont. 23 Prozent der Industrie wurde zerstört und nur eine der Elbbrücken brach zusammen. Der Schienenverkehr konnte nach 2 Wochen wieder vollständig aufgenommen werden.[1]

Diese Strategie des Moral Bombing, welche Churchill selbst als »Terror gegen die Zivilbevölkerung« deklarierte, traf nahezu alle deutschen Städte – und ab 1945 vornehmlich jene, die in den sowjetischen Einflussbereich fallen sollten. Was in Dresden getestet wurde, entnahm man der Luftkriegsführung der britischen Kolonialisten in Indien und Afrika, sowie dem Vorgehen der deutschen Luftwaffe im spanischen Bürgerkrieg und den Blitzkriegen. Während gemäß der »Area Bombing Directive« Arbeiterviertel ins Visier der Bomberverbände gerieten, konnten sich die Rüstungsmagnaten und Kriegsverbrecherkonzerne ihres Überlebens sicher sein. Im heftig bombardierten Ruhrgebiet überstanden 80% der Industrie den Krieg ohne größere Schäden. Insgesamt „erlitt“ die deutsche Schwerindustrie durch den Bombenkrieg einen Kapazitätsabfall von 15-16%. Das Industriepotential lag damit nach Kriegsende weit über dem der ab 1935 einsetzenden Aufrüstung.[2] In den Kassenbüchern der Großkonzerne und Nazibonzen machte sich die Niederlage kaum bemerkbar.  Schon ab 1950 wurden wieder Geschosse und Granaten für den nächsten Krieg gegen den Kommunismus produziert. Der „Korea-Boom“ rettete das stockende deutsche Wirtschaftswunder. Briten und Amerikaner wussten 1945, dass sie auf lange Sicht spielen mussten, nachdem die Wehrmacht vor Moskau gescheitert war.

Das Moral Bombing war Teil der Hinhaltetaktik gegenüber der Sowjetunion, die mit ihren Forderungen nach einer westalliierten Bodenoffensive, jahrelang damit abgeschmettert wurde, dass die Intensivierung der Bombenangriffe die einzig mögliche Unterstützungsmöglichkeit sei. Während Deutschland die Sowjetunion mit einem Vernichtungskrieg überzog und das Land am Abgrund stand schrieb Churchill im Winter 1941 an den um Hilfe bittenden Stalin: »In der Zwischenzeit werden wir weiterhin Deutschland mit wachsender Wucht bombardieren, die Meere offenhalten und unser Leben schützen«.[3] An Zynismus ist das kaum zu überbieten. Mit dem Ausbau der britischen Bomberflotte ab 1940 rückte die Eröffnung einer zweiten Front in weite Ferne,- die Rüstungsindustrie fokussierte sich vorerst auf die Luftwaffe. Ob „die deutsche Moral“ oder die Kriegswirtschaft durch die Bombenangriffe wirklich nennenswerte Verluste einstecken mussten ist höchst fraglich.

Der Kern des in der DDR praktizierten Gedenkens, behält bis heute seine Richtigkeit: Die Mörder Dresdens, sind die Kriegstreiber von Heute. Es sind die Nazis und Kriegsverbrecher, die diesen Krieg, der zur Bombardierung Dresdens führte, überhaupt erst vom Zaun brachen. Es sind aber auch die amerikanischen und britischen Kapitalisten, die Hitlers Konjunkturprogramme mit reichlich Dollars unterstützten und lange Zeit bereit waren die Sowjetunion ans Messer zu liefern. Jene Nazis und Kriegsverbrecher richteten sich mit der Bundesrepublik einen neuen Staat ein, um gemeinsam mit Großbritannien und den USA die Welt weiter mit Krieg zu überziehen. Dieselbe mörderische Art und Weise der Luftkriegsführung, welche Guernica, Warschau und Dresden traf wurde später gegen Korea, Vietnam und Kambodscha entfesselt. Deutschland lieferte dafür, wie bereits erwähnt, die nötigen Rüstungsgüter.

Soviel zum Kontext. Zurück nach Dresden. Es mag sogar sein, dass in einigen Fällen „Oma, Opa und Hans-Peter keine Opfer, sondern Täter“ waren, dass ändert nichts an der Tatsache, dass es das Großkapital und die Nazieliten waren, die Krieg, Völkermord und Faschismus maßgeblich ermöglichten. Die Kollektivschuldthese entlastet, relativiert und mystifiziert. Sie ist Geschichtsrevisionismus in Reinform und wird nicht ohne Grund vom deutschen Establishment so dankend in Kauf genommen.

Die Instrumentalisierung der Bombardierung durch „Dresden-Gedenken“ und die Partystimmung in Teilen des Gegenprotests spiegeln zwei Seiten einer Medaille wider. Genauso wie schon die angloamerikanischen Bombenangriffe und der deutsche Vernichtungskrieg zwei Seiten einer Medaille widerspiegelten. Die antideutsche Kollektivschuldthese und der rechte Geschichtsrevisionismus stehen sich weitaus weniger konträr entgegen als es auf den ersten Blick scheint: Gesellschaften bestehen demzufolge aus moralisch homogenen Kollektiven, die entweder kollektiv bestraft werden mussten oder kollektiv betrauert werden sollten. Beides ist eine völkische Logik – unabhängig von ihren Vorzeichen. Während Neonazis jährlich den verlorenen Schlachten hinterhertrauern, klatschen Antideutsche nicht nur im Fall von Dresden Beifall, sondern auch wenn Bomben auf Gaza regnen. Militarismus hat viele Gesichter. 

 

[1] Die Zahlen und Daten sind dem Bericht des us-amerikanischen Berichts über die eigene Luftkriegsführung zu entnehmen. Truman Spangrud (1945): The United States Strategic Bombing Survey, https://www.airuniversity.af.edu/Portals/10/AUPress/Books/B_0020_SPANGRUD_STRATEGIC_BOMBING_SURVEYS.pdf. 

[2] Olaf Groehler (1990): Bombenkrieg gegen den Deutschland, Berlin: Akademie Verlag S. 448f. 

[3] Ebd. S. 26.