Gedenken an die ermordeten Antifaschisten im Keglerheim

Nach einer antifaschistischen Demonstration am 25. Januar 1933 mit knapp 1.200 Teilnehmenden fand am Abend im Saal des Keglerheims in der Friedrichstraße eine vom „Kampfbund gegen den Faschismus“ organisierte Versammlung unter den Augen der örtlichen Polizei statt. An der Versammlung nahmen zwischen 600-800 Personen teil. 

Eine Aufforderung des Redners zum Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewalt wurde vom zuständigen Polizeikommissar als Aufruf zur Gewalt gedeutet und führte zur Auflösung der Versammlung durch die Polizei. Dabei schoss die Polizei in die Menge, es wurden neun Menschen getötet und zwölf weitere schwer verletzt wurden. Das Versagen der Polizei wurde in einer Landtagssitzung bestätigt. An der Beisetzung beteiligten sich über 30.000 Mann zu einem überwältigenden Kampfaufmarsch gegen Reaktion und Faschismus. 

Wir wollen am:

26.01.2025, um 10 Uhr 

an der „Gedenktafel Keglerheim“ (Kreuzung Weißeritzstraße und Friedrichstraße) in Dresden

der neun ermordeten Antifaschisten gedenken. 

Zu den neun Toten zählen:

Fritz Domaschke

Walter Liebscher

Paul Eichhorn

Paul Maiwald

Kurt Förster

Richard Michel

Kurt Göbel

Adolf Sommerfeld

Herrmann Koch

Auch die „Arbeiterstimme“ (Tageszeitung der KPD – Bezirk Ostsachsen) berichtete am 1. Februar 1933 von dem gewaltigen Kampfaufmarsch.

Ueberwältigender Aufmarsch

30000 marschieren in kampfbereiter Einheitsfront

Gegen weißen Terror und faschistische Hitler-Diktatur. In endlosen Sturmkolonnen defilieren die Dresdner Antifaschisten an den Särgen der Blutopfer des schwarzen Mittwoch vorüber SPD- und Reichsbanner-Arbeiter zu Tausenden mit ihren kommunistischen Klassengenossen in proletarischer Kampfeinheit verbunden. Jetzt vorwärts in Betrieben und an Stempelstellen zu Masseneinheitsfront-Aktionen gegen die faschistische Hitler-Diktatur!

Dresden, 31. Januar. (Eig. Bericht.)

Gestern wurden die am vergangenen Mittwoch von Polizeikugeln dahingerafften Dresdner Arbeiter zu Grabe getragen. Ihre Beisetzung gestaltete sich zu einem überwältigenden Kampfaufmarsch der Dresdner Arbeitermassen, die den Opfern des blutigen Massakers in der Zahl von über 30 000 Mann das letzte Geleit gaben.

Das war aber kein Trauerzug, sondern eine wuchtige Kampfansage an die für das vergossene Arbeiterblut Verantwortlichen und eine Kampfansage zugleich an die faschistische Hitlerdiktatur, die der Arbeiterklasse mit verschärften faschistischen Angriffsmethoden entgegentreten will. Diese Kampfansage wurde noch durch eine große Anzahl von Prosteststreiks bekräftigt, die anlässlich der Beisetzung der Dresdner Opfer durchgeführt wurden.

Der wuchtige Massenaufmarsch anläßlich der Beerdigung der Dresdner Opfer des weißen Terrors war ein eindeutiges Zeichen der Kampfentschlossenheit der Arbeitermassen, die bei dieser Beerdigung in roter Einheitsfront aufmarschierten.

Unter den 30.000 Demonstranten marschierten Reichsbannerarbeiter und SPD-Arbeiter zu Tausenden mit ihren kommunistischen Genossen.

So offenbarte sich in diesem Aufmarsch zugleich der wachsende Wille der Arbeiter zur kämpfenden Einheitsfront, die es jetzt im Kampfe gegen das faschistische Diktaturkabinett Hitler-Papen-Hugenberg, im Kampfe gegen die blutige faschistische Unterdrückung der Arbeitermassen noch fester und schlagkräftiger zu formieren gilt.

Ein einziger Tag hatte genügt um das Massenheer der 30 000 Antifaschisten zu mobilisieren. Erst am Sonnabendnachmittag wurde der Tag der Beerdigung und erst am Montagnachmittag die Genehmigung der Demonstration bekannt. Und dennoch marschierten die Arbeiter gestern in so riesiger Zahl nach dem Johannisfriedhof in Tolkewitz, nachdem der Anmarsch zur Beerdigung unter dem gewaltigen Massendruck der Arbeiter freigegeben werden mußte. So wurde durch bie Mobilisation der Betriebsbelegschaften und Stempelstellen das über Dresden verhängte Demonstrationsverbot durchbrochen und

die Straße für die antifaschistischen Kampfbataillone anläßlich der Beisetzung unsrer erschossenen Klassengenossen erobert.

Bereits gegen Mittag wurde die Stadt von den zum Sammelplan ziehenden Arbeitermassen regelrecht überflutet und in der Stübelallee hatte sich alsbald ein riesiger, schier endloser Zug formiert. Als sich dieser Zug in Marsch setzte, fluteten noch immer neue Arbeitertrupps herbei und so wuchs der Massenzug zu einer großen, die ganze Stübelallee füllenden Menschenschlange.

In den Arbeitervierteln, die von der Massendemonstration berührt wurden, stauten sich gewaltige Menschenmassen, die die Demonstration mit erhobener Faust begrüßten. Unmittelbar vor dem Zugang zum Johannisfriedhof waren diese Massen direkt unübersehbar.

Es mögen noch einige weitere Zehntausende gewesen sein, die den Demonstrationszug der 30 000 flankierten,

und die ihm den stummen Kampfgruß der gerechten proletarischen Faust entgegenbrachten.

Auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz

erlebte der Massenaufmarsch seinen Höhepunkt in einem stundenlangen Vorbeimarsch an den dort ausgestellten Särgen der Opfer des Polizeimassakers. Der Kampfbund gegen den Faschismus, die Rote Wehr, der Sozialistische Schutzbund, Reichsbanner-Arbeiter und Proleten der Eisernen Front bildeten ein den ganzen Friedhof durchziehendes Spalier, durch das sich die antifaschistischen Sturmkolonnen der Dresdner Arbeiter hindurchwälzten.

Im gleichen Schritt defilierten sie mit trauerumflorten Kampfbannern und mit gereckter Faust an den Särgen, die ihre erschossenen Klassenbrüder bargen, vorüber. Vielfach marschierten Reichsbannerarbeiter auch direkt inmitten kommunistischer Arbeiter, mit denen sie sich im Angesicht der Opfer des weißen Terrors verbrüderten. Unter den revolutionären Marschkolonnen rückte eine Betriebsdelegation nach der anderen mit heran. Sowohl die Dresdner Betriebe als auch zahlreiche Betriebe sonstiger sächsischer Städte wie Chemnitz und Leipzig hatten starke Betriebsdelegationen entsandt. Aber auch aus allen Teilen des Reiches waren Kranzdelegationen zur Beisetzung der erschossenen Arbeiter erschienen. Viele von ihnen waren trotz des argen Frostes und der grimmen Kälte sogar per Fahrrad nach Dresden […], um an der Beerdigung der Blutopfer des Polizeimassakers teilnehmen zu können.

Zwei und eine halbe Stunde dauerte der Vorbeimarsch des riesigen Zuges, dessen Fahnen und Kranzdelegationen jeweils an den Särgen einschwenkten. Nach der Beendigung des Aufmarsches erfolgte dann schließlich

die Beisetzung der Erschossenen im Massengrab

Unter den Klängen des russichen Trauermarsches wurden die Särge zur Gruft getragen, um die sich die tausendköpfige Zahl der Delegationen mitsamt der Angehörigen geschart hatte. Als der letzte der Toten in das Grab gesenkt wo worden war, war schließlich die Dunkelheit hereingebrochen und im Schein von Fackeln ging nunmehr die Kampfkundgebung am Massengrabvonstatten.

Als erster Redner ergriff

Genosse Ferlemann

das Wort, der im Namen des Zentralfomitees der KPD und im Namen der Bezirksleitung Sachsen an der Gruft der erschossenen Klassenbrüder zu den Massen sprach. Er führte etwa aus:

„In dieser Stunde gedenkt das ganze deutsche Proletariat der blutigen Vorgänge, die sich in Dresden abgespielt haben. In diesen Ereignissen, in jenem unerhörten Massaker der Polizei äußert sich die ungeheure und schnelle Steigerung der faschistischen Angriffsmethoden der Bourgeoisie. Insofern sind unsere toten Kameraden Blutzeugen der gewaltigen Verschärfung der faschistischen Diktatur, gegen die der letzte Arbeit mobil gemacht werden muß. Der heutige Aufmarsch zeigt das stürmische Wachstum der revolutionären Einheitsfront, die wir nunmehr im Kampfe gegen das faschistische Diktaturregime weiter entwickeln und noch mehr stärken müssen. Den Angehörigen unserer erschossenen Klassenbrüder sei gesagt, daß ihnen in dieser Stunde nicht nur die Dresdner Arbeitermassen, sondern das ganze deutsche Proletariat die Hände in stummer Trauer drückt. Wir geloben am Grabe unserer toten Kameraden, daß ihr Blut nicht vergeblich geflossen sein wird!“

Nach dieser mit größter Andacht aufgenommenen Rede des Vertreters der Battel spricht im Auftrage des Zentralvorstandes und der Landesleitung der Roten Hilfe

Genosse Schön,

der u. a. erklärt: „In den letzten Jahren sind Hunderte von Arbeitern dem weißen Terror zum Opfer gefallen. Wenn wir heute am Grabe der Opfer des schwarzen Mittwoch stehen, so in dem Bewusstsein, daß wir das Werk, für das sie starben, vollenden werden!“

Nunmehr schwang sich Franke vom Reichsbanner zu einer kurzen Rede auf, die vollkommen unter dem Eindruck der Empörung der zu Tausenden aufmarschierten SPD-Arbeiter über den weißen Terror gehalten wurde. Diese SPD-Arbeiter dürften aber gerade angesichts solcher billigen und ihrer Stimmung angepaßten Worte nicht vergessen, daß es die sozialdemokratische Gewerkschaftsbürokratie war, die den Aufruf zur Sabotage des Proteststreiks ergehen Iies und daß es die SPD-Presse war, die die Blutopfer immer wieder auf das Konto kommunistischer „Provokation“ verbuchen wollte. Die sozialdemokratischen Klassengenossen müssen erkennen, daß sie den gestern gemachten Anfang zur kämpfenden Einheitsfront, aller Sabotage ihrer Führer zum Trotz, weiter entwickeln müssen.

Nach einer kurzen Rede eines Vertreters des Sozialistischen Schutzbundes schloß

Genosse Beyling

die Kunbgebung zum Gedenken der von Polizeikugeln dahingerafften Arbeiter mit folgendem Kampfappell:

„Genossen! Reckt die Faust! Nicht gesalbte Reden verlangt die Stunde von uns. Heute haben wir an der offenen Gruft unserer erschossenen Kameraden gelobt, ihr Werk zu vollenden und ihre Lücken millionenfach auszufüllen. Morgen gilts der immer frecher austrumpfenden faschistischen Reaktion entgegenzutreten und alle ihre Pläne durch die Entfesselung der Massenkraft des Proletariats und deren vollen Einsatz zu durchkreuzen. Darauf kommt es an! Tut im Betrieb und an der Stempelstelle eure Pflicht! Macht die Arbeiterklasse zum Kampf mobil und wendet euch gegen alle, die euch daran hindern wollen. In diesem Sinne erfüllt das Vermächtnis unserer toten Kameraden und bekräftigt euren Kampfschwur mit dem uns alle verpflichtenden Kampfruf Rot Front!“

Dröhnend erschallte das Echo über den weiten Friedhof und unter dem Massengesang der „Internationale“ leerte sich dann in der Abendstunde der Friedhof.

Betriebsbelegschaften geben der Demonstration das Gepräge

Der machtvolle Kampfaufmarsch der Dresdner Arbeiterschaft stand völlig im Zeichen der geschlossen demonstrierenden Belegschaften und Betriebsbelegationen, die zum Teil mit ihren Fahnen und Transparenten erschienen waren. Als sich der Zug schon lange in Bwegung gesetzt hatte, schlossen sich ihnen Belegschaften und Delegationen an. So erwarteten an der Schandauer Straße die Arbeiter der in der Nähe liegenden Betriebe die Demonstration, um sich mit einzureihen Die starke Beteiligung der Arbeiterinnen und Arbeiter der Zigarettenfabrik Jasmatzi wirkte besonders einbrucksvoll.

Die unzähligen Betriebsbelegationen waren gleichfalls auf breitester Einheitsfrontgrundlage gebildet. So befanden sich unter der in einer Betriebsversammlung der Belegschaft von Bergmann & Cie gewählten Delegation drei sozialdemokratische Betriebsräte, zwei parteiliche Arbeiter und zwei Kommunisten. In der Zeit von 15 bis 15.30 Uhr fand im Speisesaal eine Feier der Belegschaft statt, an der sich auch alle Angestellten geschlossen beteiligten. Eine Sammlung für die Hinterbliebenen erbrachte 55 Mark

„Euer Blut verpflichtet uns…“

Die Delegation des technischen Personals der Sächsischen Staatsoper, das unter den Opfern einen ihrer Arbeitskollegen zu beklagen hat, trug einen Kranz mit dem Gelöbnis: „Euer Blut verpflichtet uns!“

Die Delegation der Belegschaft des Straßenbahnhofes Mickten, die in ihrer Dienstuniform aufmarschierte, brachte einen Kranz, auf dessen roter Schleife die Belegschaft den Opfern gelobte: „Einst werden wir die Richter sein!“ Unter ben Straßenbahnerdelegation fiel besonders die der Belegschaft der Werkstatt Tolkewitz auf.

Weitere Betriebsdelegationen, die besonders kenntlich waren, hatten die Belegschaften des Kaufhauses Reka, Gaswerk Reick, Zigarettenfabrik Monopol, Greiling (Abt. Zigaretten, Tabak und Kartonagen), Reemtsma (Abt. Rohtabak), Kartonagenfabrik Lande -Leibling, Seidel & Naumann, Bleicherei und Färberei Neubert, Asbestwerke Hecker, Schlüterbrotfabrik und viele andere entsandt. Mehrere Delegationen waren auch aus den Betrieben der Kraft-Verkehrs-Gesellschaft erschienen.

Aus ganz Sachsen hatten die Betriebe Delegationen entsandt. So waren allein von den verschiedenen Eisenbahndienststellen und -werkstätten Sachsens 15 Delegationen vertreten, darunter Leipzig, Chemnitz, Zwickau usw. Besonders zahlreiche Betriebsdelegationen waren aus Chemnitz erschienen, die gemeinsam mit den Dresdner Arbeitern aufmarschierten, um die Verbund[…] des gesamten Proletariats im Kampf gegen die faschistische Diktatur zu demonstrieren. Folgende Chemnitzer Betriebe waren vertreten: Elektrizitätswerk, Autounion (Werke Siegmar in Schönau, früher Wandererwerke), Schubert & Salzer, […] & Donner usw. Weitere Betriebsdelegationen hatten entsandt: Vereinigte Kugellagerfabriken, Leipzig, Vomag, Plauen, Steinkohlewerk Zauckerode, Papierfabrik Krause & Baumann, Heidenau und viele andere mehr. Besonderen Eindruck erweckten auch die Delegationen der Zimmererorganisationen […] aus Chemnitz und Dresden, die in ihrer bekannten Berufskleidung und mit ihren Fahnen erschienen waren.

Die vielen Belegschaften und Betriebsdelegationen, die an den ganzen Demonstrationszug verteilt waren, hinterließen den schärfsten Eindruck, weil sie bekundeten, daß der wichtigste Teil des Proletariats sich in die rote Einheitsfront einreiht!“

Gedenken für die ermordeten Antifaschisten im Keglerheim

Wann? 28.01.2024 um 10 Uhr
Wo? Weißeritzstraße 1, Gedenktafel

Die Veranstaltung wird vom KAD (Kommunistisches Aktionsbündnis Dresden) organisiert. Die DKP ist ein Teil dieses Bündnis.

Zum geschichtlichen Hintergrund:

In Dresden führte die KPD am 25. Januar 1933 eine Protestaktion auf dem Bönischplatz, auf der zur Einheitsfront gegen den Faschismus aufgerufen wurde, durch. Dieser Aufruf richtete sich an die sozialdemokratischen Arbeiter, deren Führung aufgrund ihrer defensiven Haltung Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse vorgeworfen wurde.
Nach Abschluß der Kundgebung formierte sich ein Zug von ca. 1.200 Arbeiter, der zum Keglerheim in die Friedrichstrasse zog.

Die Polizei versuchte mehrfach den Zug aufzulösen. Der Saal im Keglerheim war mit einer geschätzten Besucherzahl zwischen 600 bis 800 Menschen völlig überfüllt. Der Referent „Fraedrich“ – Mitglied der KPD – sprach über die Krise, die volksfeindlichen Maßnahmen der Regierung und über die Rolle der Nazis in der Politik der Bourgeoisie. Als der Redner den Terror der Nazis anprangerte, wurde mit polizeilicher Gewalt die Versammlung aufgelöst. Hierbei fielen von Seiten der faschistischen Polizei Schüsse, die 9 Tote, 12 Schwerverletzte und zahlreiche Leichtverletzte unter den Arbeitern forderten.

Die Tageszeitung „Junge Welt“ hat einen Artikel zu dem Ereignis veröffentlicht: https://www.jungewelt.de/artikel/443255.weimarer-republik-massaker-im-keglerheim.html

Gedenktafel mit folgender Aufschrift:

Am 25. Januar 1933 geriet eine Versammlung des Kampfbundes gegen den Faschismus durch das Eingreifen der Polizei zu einem Blutbad. Neun Arbeiter fanden den Tod.

Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin und Jawohl sagen auf ein Gebrüll.

Wolfgang Borchert

Die „Arbeiterstimme“ – Tageszeitung der KPD Sachsen titulierte am 26. Januar 1933 ihre Zeitung mit „Neun Arbeiter erschossen!“

Neun Arbeiter erschossen!

Unerhörtes Blutbad in einer Dresdner Arbeiterversammlung. 9 Tote, 12 Schwerverletzte und ungezählte Leichtverletzte als Opfer der blutigen Polizeiaktion. Empörungssturm unter den Massen. Arbeiter, heraus zum schärfsten Massenprotest. Belegschaften, vorwärts zum Streik!

Dresden, den 26. Januar 1933.

Gestern abend richtete die Dresdner Polizei unter den in einer Massenversammlung des Kampfbundes gegen den Faschismus im Keglerheim zusammengeströmten Arbeitermassen ein furchtbares, unerhörtes Blutbad an, dem neun Arbeiter zum Opfer gefallen sind. Außer neun erschossenen Klassengenossen kommen noch über zwölf meistens schwerverletzte Arbeiter und Arbeiterinnen auf das Blutkonto der Dresdner Polizei. Unter den Dresdner Arbeitern herrscht grimmige Erbitterung und ungeheure Empörung und Erregung, die schon in den frühen Morgenstunden des heutigen Tages in spontanen Protestdemonstrationen in den Arbeitervierteln zum Ausdruck kam.

Auch in den Betrieben hat sich die schändliche Tat der Polizei bereits in den heutigen Morgenstunden unter den Beleg schaften verbreitet, die auf das Blutwerk der Polizei, auf die Erichießung ihrer Klassengenoffen, mit Proteststreik antworten müssen.

Schon als die Dresdner antifaschistischen Arbeiter am gestrigen Nachmittag in machtvollen Kolonnen nach dem Bönischplatz zogen, kam es – wie wir an anderer Stelle ausführlich darstellen – immer wieder zu unerhörten Provokationen der Polizei, die auch die Züge beim Hinmarsch wie auch im Abmarsch wiederholt sprengten und auf solche Weise die antifaschistischen Massen auf das unerhörteste provozierten.

Der Gipfel der Provokation – das war die von der Polizei erfolgte willkürliche Auflösung der Massenversammlung im Keglerheim, welche gestern im Anschluß an die machtvolle Demonstration stattgefunden hat.

In dieser Versammlung saßen und standen gewaltige Massen dicht aneinandergedrängt. Schon lange vor Beginn vermochte der Saal die anströmenden Massen nicht zu fassen.

Da geschieht die erste Provokation. Die Polizei verweigert die Oeffnung der Galerie und gibt erst unter dem Drucke der immer neu herzuströmenden Massen nach langer beharrlicher Weigerung die Galerie für die Versammlungsbesucher frei.

Die Versammlung verlief – wie uns Augenzeugen dutzende Male bestätigt haben – in vollster Disziplin und Ordnung.

Als der Referent zu dieser Versammlung schließlich den Terror und die unaufhörlichen Provokationen der faschistischen Mordbanden anprangert und sie mit dem wuchtigen Einsatz der Massenkraft des Proletariats zu beantworten auffordert, nimmt die Polizei dies zum Anlaß, die Versammlung für aufgelöst zu erklären.

Das Echo: Ungeheurer Protest und höchste Empörung! Da drängt und schiebt sich die schon vorher in anderen Räumen des Lokals untergebrachte Polizei in den Saal, um die Massen rücksichtslos beiseite zu schieben und sich den Weg zur Bühne zu bahnen. Die Wut und der Ingrimm der Versammlungsbesucher über solch rücksichtslose Polizeiaktion steigt und äußert sich in entrüsteten Zurufen.

Von der Galerie herab rufen Genossen im Sprechchor den höchst entrüsteten Arbeitern zu, die Ruhe zu bewahren und Disziplin zu halten. (Selbst die Dresdner Nachrichten müssen das zugeben.)

Trotz alledem steigert die Polizei die Empörung zur Siedespitze, indem sie sogar die Revolver zieht und anschlagbereit gegen die Massen hält. Und nun eröffnet einer der Beamten auf die mittlerweile bereits abziehenden Massen rücksichtsloses Revolverfeuer. Da beginnen auch die übrigen auf die nach allen Ausgängen zuströmenden und sich hier Ausweg verschaffenden Massen zu schießen.

Auch dazu müssen die Dresdner Nachrichten zugeben, daß der Saal sich schon bis auf etwa ein Drittel geleert hatte, als die Polizei auf die Massen zu schiessen begann. Etwa 80 scharfe Schüsse wurden auf die Arbeiter abgefeuert. Im Nu wälzen sich zahlreichen Arbeiter und auch Arbeiterinnen, vor Schmerzen schreiend, am Boden. Fünf sind auf der Stelle tot, vier andere schwer verletzte Arbeiter sterben teils auf dem Transport und teils im Krankenhaus. In großer Zahl wälzten sich außerdem zahlreiche schwerverletzte Arbeiter und Arbeiterinnen in ihrem Blut.

Das ist das Werk der Dresdner Polizei, über das wir noch eingehend und ausführlich an anderer Stelle Augenzeugenberichte veröffentlichen.

Die Bluttat der Dresdner Polizei ist nach der Erschießung der drei Kölner Arbeiter eine weitere Blutspur, die zu noch schärferer Entfaltung der faschistischen Diktatur in Deutschland führen soll.

Aber auch diese Bluttat wird das, was sich gestern im gigantischen Aufmarsch der Berliner Arbeiter offenbarte, nicht zu verhindern imstande sein: die immer schärfer anschwellende und machtvoll vorwärts marschierende antifaschistische Kampesfront, die die Dresdner Arbeiter angesichts der Leichname ihrer Klassengenossen und angesichts der großen Zahl der verletzten Arbeiter noch fester and geschlossener formieren.

Schon haben die Arbeiter in aller Morgenfrühe des heutigen Tages mit spontanen Demonstrationen auf die Bluttat der Dresdner Polizei geantwortet. Die Empörung und Erregung über dieses Massaker brandet in den Arbeitervierteln höher und höher! Sie greift auch auf die Betriebe über. Heute veröffentlichen wir die Resolution des Betriebsrates des Eltwerkes. Morgen muss aus jedem Betrieb das Echo erschallen:

Prosteststreik gegen das Polizeimassaker!

Dieser Proteststreik muß auf der Stelle von allen Dresdner Belegschaften entfaltet werden. Er muss mit betrieblichen Protestkundgebungen verbunden werden und er muss die entscheidendsten Forderungen nachdrücklich bekräftigen, die sich nach diesem Blutbad als Selbstverständlichkeit für alle Arbeiter ergeben:

Fort mit Palitzsch, Pfotenhauer und Einert!* Sofortige Dispensierung und Beftrafung aller schuldigen Beamten!

Stellt man die Bluttat von gestern, diesen rücksichtslosen Aderlaß an revolutionären Arbeitern der unerhörten Schonung der faschistischen Mordbanden durch die Dresdner Polizei gegenüber, wie sie im Fall Hentsch so deutlich in Erscheinung trat, dann ist diese Forderung für jeden klassenbewußten Arbeiter als eine glatte Selbstverständlichkeit erkennbar.

Jetzt heißt es: In Massen heraus, Betriebsarbeiter und Erwerbslose!

Proteststreik – das ist die Losung, für die die Belegschaften auf der Stelle mobil gemacht werden müssen.

Proteststreik […] am Tage der Beerdigung. Entsendung von Delegationen aus den Betrieben und aus allen Arbeiterorganisationen an diesem Tage der Bestattung unserer erschossenen Klassengenossen.

In diesem Sinne: Heraus in kämpfender Einheitsfront gegen die Erschiesung der Dresdner Arbeiter und gegen das ganze blutige System der faschistischen Diktatur!“

* Johannes Palitzsch war von 1931-1933 Dresdner Polizeipräsident; Fritz Pfotenhauer war ab 1928 stellvertretender Polizeipräsident von Dresden

„Arbeiterstimme – Tageszeitung der KPD. Sektion der Kommunistischen Internationale. Bezirk Sachsen“  (26.01.1933, S.1)